Somalia (Somali, Soomaaliya)

Somalia ist ein zerfallener Staat im äussersten Osten Afrikas, am Horn von Afrika. Es grenzt an den Indischen Ozean im Osten, dessen Golf von Aden im Norden, Dschibuti und Äthiopien im Westen und Kenia im Süden. Der Landesname ist vom Volk der Somali abgeleitet, das die grosse Bevölkerungsmehrheit stellt und auch in den Nachbarländern ansässig ist.

Somalia entstand aus dem Zusammenschluss der Kolonialgebiete Britisch- und Italienisch-Somaliland, die 1960 (“Afrikanisches Jahr”) gemeinsam unabhängig wurden. Seit dem Sturz der autoritären Regierung unter Siad Barre 1991 befindet sich das Land im Bürgerkrieg. Die international anerkannte Übergangsregierung kontrolliert nur einen kleinen Teil des Staatsgebiets. Der Nordteil des Landes strebt seit 1991 als Somaliland nach Unabhängigkeit, Puntland, Galmudug und Jubaland beanspruchen Autonomie als Teilstaaten Somalias. Abgesehen von diesen De-facto-Regimes befindet sich das Land in der Hand lokaler Clans, Kriegsherren, radikal-islamischer Gruppen und Piraten.

Somalia liegt im Osten des afrikanischen Kontinents, am Horn von Afrika auf der Somali-Halbinsel. Der nördliche Teil des Landes ist zumeist bergig und im Somali-Hochland durchschnittlich 900 bis 2.100 m über dem Meeresspiegel; der höchste Berg ist der Shimbiris (2450 m). Nach Süden hin erstreckt sich ein Flachland mit einer durchschnittlichen Höhe von 180 m. Die Flüsse Jubba und Shabeelle entspringen in Äthiopien und fliessen durch den Süden Somalias und damit durch die Somali-Wüste in den Indischen Ozean. Die Küstenlinie ist 2720 km lang.
Somalia wird beeinflusst durch Monsunwinde, ein ganzjähriges heisses Klima, unregelmässige Regenfälle und stetig wiederkehrende Trockenperioden. Ausser in den Berg- und Küstenregionen liegt die durchschnittliche Maximaltemperatur am Tag zwischen 30 und 40 °C. Der südwestliche Monsun sorgt in der Gegend um Mogadischu für ein relativ mildes Klima in den Monaten von Mai bis Oktober. Zwischen Dezember und Februar bringt der nordöstliche Monsun ein ähnliches mildes Klima. In der so genannten Tangambili-Periode zwischen den beiden Monsunen (Oktober bis November und März bis Mai) ist es heiss und feucht.

Umwelt

Erosion und die Ausbreitung der Wüste stellen Umweltprobleme Somalias dar. Ursachen sind Überweidung und Abholzungen der verbleibenden Wälder, da Holz die Hauptenergiequelle des Landes ist und seit Ausbruch des Bürgerkrieges in grösserem Umfang Holzkohle in die Staaten der arabischen Halbinsel exportiert wird.
Die Mangrovengebiete zwischen Kismaayo und der kenianischen Grenze im Süden des Landes und die Korallenriffe am Golf von Aden und nahe Kenia sind ebenfalls von Bodendegradation und Schädigung betroffen.
In Abwesenheit einer wirksamen Küstenwache wird vor der Küste des Landes illegale Atommüll- und Giftmüllentsorgung (Verklappung) betrieben, und ausländische Fangflotten überfischen unkontrolliert die Gewässer.

Bevölkerung

Die Einwohner Somalias heissen Somalier. Gelegentlich wird auch unpräzise die Bezeichnung Somali verwendet, die jedoch nur die ethnischen Somali benennt, also die Nicht-Somali-Minderheiten im Land nicht umfasst.
Zur Einwohnerzahl Somalias gibt es sehr unterschiedliche Angaben, abhängig davon, auf welchen statistischen Grundannahmen zu Bevölkerungswachstum, Migration usw. seit der letzten Volkszählung in den 1980er Jahren sie basieren. Die Angaben von Berechnungen für die Jahre 2009 bzw. 2010 reichen von 9.832.01 bis 13.183.88 Einwohnern. Die Vereinten Nationen gehen hingegen von nur 7,5 Mio. Einwohnern aus.
Heute leben 60 Prozent aller Somalier teilweise oder vollständig als Nomaden. 25 Prozent der Menschen leben als Bauern, die sich in der fruchtbarsten Region des Landes zwischen den Flüssen Shabeelle und Jubba niedergelassen haben. Der verbliebene Teil der Bevölkerung (15 bis 20 Prozent) lebt in städtischen Gebieten. Ende 2007 waren über eine Million Somalier intern vertrieben.
Ethnien
Somalia galt lange als eines der ethnisch homogensten Länder und als „einziger Nationalstaat“ Afrikas, da die grosse Mehrheit der Bevölkerung zum Volk der Somali gehört. Dieses Bild hat sich gewandelt, seit im Bürgerkrieg die Differenzen zwischen den verschiedenen Clans der Somali sowie zwischen Somali und ethnischen Minderheiten vor allem in Südsomalia deutlicher wurden.

Somali-Clans

Die anteilmässig bei weitem bedeutendste Ethnie sind die Somali, deren Siedlungsgebiet sich auch auf Ost-Äthiopien (Somali-Region), Dschibuti und Nordost-Kenia erstreckt und die nach heutiger Kenntnis von kuschitisch-afrikanischer und teilweise arabisch-persischer Abstammung sind.
Von grosser Bedeutung für Gesellschaft und Politik Somalias ist das Clansystem der Somali, das wahrscheinlich von der Stammesgesellschaft der Araber beeinflusst wurde. Jeder Somali gehört über seine väterliche Abstammungslinie einem Stamm oder Clan an. Die fünf grossen Clanfamilien (qaabiil) sind:
Hawiye
Darod
Isaaq
Rahanweyn (bzw. Digil-Mirifle)
Dir
Dabei gelten die traditionell nomadisch lebenden Dir, Darod, Isaaq und Hawiye als „echte Somali“ oder Samaal, während die sesshaft-bäuerlichen Rahanweyn als „unechte Somali“ oder als Sab bezeichnet werden. Sie gelten, ebenso wie diverse ethnische Minderheiten, aus Sicht eines Teils der Samaal als nicht gleichberechtigt und unterliegen traditionell einer gesellschaftlichen Benachteiligung.
Jede dieser Clanfamilien zerfällt in eine grosse Zahl Subclans und „Geschlechter“ (Somali: reer, was „Leute aus“, „Nachkommen von“ bedeutet). Diese umfassen jeweils einige Hundert bis Tausend Männer, die das für Verbrechen fällige Blutgeld (diya, mag) gemeinsam bezahlen bzw. erhalten. Dieses System verschafft dem einzelnen Somali traditionell Schutz für Leben und Eigentum, führt jedoch auch zu Blutfehden, die sich nicht nur auf einzelne Verbrechen beziehen, sondern auch Auseinandersetzungen um Wasser- und Weiderechte und um die politische Macht umfassen.

Minderheiten

Nicht-Somali-Minderheiten machen etwa 15 % der Bevölkerung aus. Zu diesen gehören verschiedene schwarzafrikanische Volksgruppen in Südsomalia, die von den Somali zusammenfassend als Jarir („harthaarig“ oder „kraushaarig“) bezeichnet werden. Ein Teil von diesen stammt von Sklaven ab, die im 19. Jahrhundert durch den ostafrikanischen Sklavenhandel aus Tansania, Malawi, Mosambik und Kenia nach Somalia gebracht wurden und sich nach ihrer Flucht oder Freilassung grösstenteils im Tal des Jubba niederliessen. Sie sind seit den 1990er Jahren als Somalische Bantu bekannt. Für andere Jarir-Gruppen wie etwa die Shidle gilt die Herkunft bis heute als ungeklärt, möglicherweise stammen sie von einer Bevölkerung vor den Somali ab.
Weitere Minderheiten sind Angehörige der Swahili-Gesellschaft und Gruppen von gemischter Herkunft an der Küste (z. B. Bajuni, Brawanesen, Benadiri/Reer Hamar), im ganzen Land verbreitete Gruppen wie die Yibir und Midgan, die auf bestimmte Berufe beschränkt sind, sowie einige Tausend Araber und einige Hundert Inder und Pakistaner.

Sprachen

Hauptsprache Somalias ist das Somali (Eigenbezeichnung Af-ka Soomaali-ga) – eine ostkuschitische Sprache aus dem Sprachzweig der kuschitischen Sprachen und damit Teil der afroasiatischen Sprachfamilie –, das heute von etwa 12 Millionen Menschen in Somalia und angrenzenden Gebieten gesprochen wird. Die Sprache des Somali-Volkes wird in Somalia auch von allen Minderheiten verwendet.

Als Handels- und Bildungssprachen werden auch Arabisch und – als Erbe der Kolonialzeit – Italienisch und Englisch genutzt. Ein kleiner Teil der somalischen Bantu hat die Bantusprache Zigula beibehalten. An der Küste sprechen kleine Minderheiten (die Bajuni in und um Kismaayo und die Brawanesen in Baraawe) Dialekte des Swahili.
Als einziger afrikanischer Staat neben Tansania entwickelte sich Somalia nach seiner Unabhängigkeit weg vom Gebrauch der europäischen Kolonialsprachen. Somalische Nationalisten strebten nach einer Standardisierung und Verschriftung des Somali. Diese wurde 1972 unter Siad Barre verwirklicht und zur Amtssprache gemacht. Somali setzte sich daraufhin rasch in Verwaltung, Bildungswesen und Medien durch, während Italienisch, Englisch und Arabisch entsprechend an Bedeutung verloren. Als Basis für das Standard-Somali diente die vor allem im Norden gesprochene Variante Maha Tiri (Maxaa Tiri); die andere Hauptvariante ist das im Süden verbreitete Maay, daneben gibt es weitere Dialekte.
Die somalische Übergangsverfassung von 2004 legt als offizielle Sprachen Somali (Maay und Maha Tiri) und Arabisch fest. Italienisch und Englisch haben einen Status als Sekundärsprachen.

Religion

Die Bevölkerung Somalias gehört zu fast 100 % dem sunnitischen Zweig des Islam an. Davon sind etwa 80 % Schafiiten und 20 % Hanafiten. Die einzigen Nicht-Muslime in Somalia sind einige hundert Christen, die fast sämtlich ausländischer Herkunft sind. Die wenigen christlichen Somalier gehören der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche an. Einzelne Missionierungsversuche und der Bau einer Kathedrale mit angeschlossenem katholischen Kloster in Mogadischu in der Kolonialzeit blieben ohne grössere Wirkung. Beide wurden während des Bürgerkriegs zerstört. Damit löste sich auch das römisch-katholische Bistum Mogadischu faktisch auf. Der letzte Bischof war bereits 1989 in der Kathedrale erschossen worden.
Die traditionelle islamische Praxis in Somalia ist in den Dörfern und unter Nomaden eher gemässigt und vermischt mit dem Gewohnheitsrecht der Clans. Dort sind die durch missionierende Scheichs verschiedener Sufi-Orden im 19. Jahrhundert verbreiteten Glaubenschulen im Alltag präsent. Die älteste und grösste dieser Bruderschaften ist die Qadiriyya, gefolgt von der Salihiyya im Norden. Kleinere Gruppen sind die Dandarawiyya, der Ende des 19. Jahrhunderts von Muhammad ibn Ahmad al-Dandarawi gegründete, am weitesten verbreitete Zweig der Idrisiyya, und die Rifaiyya, ein Ableger der Qadiriyya, der unter arabischen Einwanderern in Mogadischu populär ist. Seit den 1970er Jahren gibt es vor allem in den Städten radikale wahabitische Strömungen, die während des Bürgerkriegs ebenso wie die Religion insgesamt an Bedeutung gewonnen haben.
Seit Ausbruch des Bürgerkrieges gehören islamische Einrichtungen zu den wenigen Institutionen, die Bildung und medizinische Versorgung oder auch Rechtsprechung anbieten. Auf die Lage der Frauen wirkt sich der wachsende Einfluss des Islam unterschiedlich aus: Das islamische Recht bringt ihnen gegenüber dem Gewohnheitsrecht gewisse erbrechtliche Verbesserungen, und einige Geistliche sprechen sich heute auch gegen die weit verbreitete Mädchenbeschneidung aus; andererseits werden Frauen zunehmend gedrängt, sich stärker zu verhüllen oder ganz aus dem öffentlichen Raum zurückzuziehen. al-Shabaab setzt in Süd- und Zentralsomalia eine strenge Auslegung der Schari’a durch. Sie hat auch Verbindungen zu al-Qaida und hat Dschihadisten aus dem Ausland in ihren Reihen.
Die Verfassung der Übergangsregierung bestimmt den Islam als offizielle Religion der Republik Somalia und legt fest, dass die Gesetzgebung auf der Schari’a basieren soll. Auch die Verfassung des einseitig für unabhängig erklärten Somaliland erklärt den Islam zur Religion der Nation und verbietet das „Propagieren“ – darunter fällt bereits die öffentliche Ausübung – anderer Religionen in Somaliland. Der Abfall vom Islam wird mit drakonischen Strafen, u.a. durch Auspeitschung bestraft.
Soziale Lage

Bildung

Schätzungsweise 13 % der Jungen und 7 % der Mädchen besuchen eine Schule. Unterricht findet heute in Abwesenheit eines offiziellen Bildungssystems hauptsächlich in Koranschulen und privaten Einrichtungen statt. Im faktisch autonomen Somaliland wurde das Bildungswesen seit der Unabhängigkeitserklärung ausgebaut.

Gesundheit

Mangelernährung und Infektionskrankheiten sind verbreitet. 70 % der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Die Kinderzahl pro Frau liegt bei durchschnittlich 6,1. Die Müttersterblichkeit liegt bei 1200 auf 100.000 Geburten. Die Kindersterblichkeit ist hoch: Vor dem 1. Geburtstag sterben 108 und vor dem 5. Geburtstag 180 von 1000 lebend geborenen Kindern. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt wird mit 50,7 bis 51,2 Jahren angegeben.
Die Verstümmelung weiblicher Genitalien wird in Somalia an etwa 95 % der Mädchen vorgenommen, meist in der besonders invasiven Form der Infibulation. Diese Tradition war unter der Regierung Siad Barres gesetzlich verboten worden, blieb jedoch weit verbreitet. Im faktisch autonomen Puntland beschloss das Regionalparlament 1999 ein Verbot. Am 8. März 2004 begann eine landesweite Kampagne, in deren Rahmen der damalige Präsident der Übergangsregierung, Abdikassim Salat Hassan, von einem Verbrechen gegen die Religion und gegen die Menschlichkeit sprach. Am 26. Oktober 2005 veröffentlichten islamische Geistliche in Mogadischu eine Fatwa, die sich gegen die Mädchenbeschneidung richtet. Darin wird diese in Afrika weit verbreitete traditionelle Praxis als „unislamisch“ verurteilt.
Der Anteil von HIV-Infizierten wird auf 0,5 % geschätzt und ist damit im afrikanischen Vergleich sehr niedrig. Begründet wird dies mit der islamischen Religion und damit, dass seit Kriegsausbruch verhältnismässig wenige Menschen von aussen in das Land kamen. Das Wissen um Übertragungswege und Prävention von HIV/Aids ist kaum verbreitet.
2008 vermeldete die Weltgesundheitsorganisation, dass durch grossangelegte Impfkampagnen das Kinderlähmung verursachende Poliovirus in Somalia ausgerottet worden sei. Das Land war bereits 2002 poliofrei geworden, doch wurde das Virus zwischenzeitlich aus Nigeria wieder eingeschleppt.

Geschichte

Die ältesten bekannten Spuren von Menschen im heutigen Somalia wurden in Buur Heybe in Südsomalia gefunden. Es handelt sich um Skelette, die mit der Radiokarbonmethode auf bis zu 6000 v. Chr. datiert wurden. Höhlenmalereien in Laas Geel bei Hargeysa stammen aus der Zeit von 4000 bis 3000 v. Chr.
Die Vorfahren der Somali wanderten um 500 v. Chr. bis 100 n. Chr. aus dem südlichen äthiopischen Hochland ein und vermischten sich – insbesondere in den Handelsstädten an der Küste, wie Zeila, Hobyo und Mogadischu – mit arabischen und persischen Einwanderern, welche ab dem 7. Jahrhundert auch den Islam einführten. Es entstanden muslimische Sultanate und Stadtstaaten. Im 16. Jahrhundert gerieten die Städte an der Nordküste unter türkische bzw. ägyptische Herrschaft, jene an der südlichen Benadirküste kamen im 17. Jahrhundert unter die Oberhoheit Omans bzw. im 19. Jahrhundert Sansibars.
Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr das von Somali bewohnte Gebiet seine bis heute nachwirkende Aufteilung. Der Norden des heutigen Somalia wurde von Grossbritannien als Britisch-Somaliland, der Süden und Osten als Italienisch-Somaliland von Italien kolonialisiert. Am 1. Juli 1960 wurden die beiden Kolonien gemeinsam als Somalia unabhängig. Erster Präsident des Landes wurde Aden Abdullah Osman Daar, ihm folgte 1967 Abdirashid Ali Shermarke.
Das Verhältnis zu den Nachbarstaaten war wegen der von Somalia gestellten Gebietsansprüche (siehe Gross-Somalia), insbesondere auf die heute äthiopische Region Ogaden, gespannt. Auch innenpolitische Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden und Osten, zwischen Clans und Parteien bestanden weiter. 1969 wurde Präsident Shermarke von einem Leibwächter getötet, woraufhin pro-sowjetische Militärs unter Siad Barre die Macht übernahmen.
Barre lehnte sich zunächst an die Sowjetunion an, versuchte einen „wissenschaftlichen Sozialismus“ einzuführen und den traditionellen Einfluss der Clans einzuschränken. 1977/78 führte er einen Krieg um Ogaden gegen Äthiopien, den Somalia verlor. Weil die Sowjetunion in diesem Krieg das gegnerische, kommunistische Derg-Regime Äthiopiens unterstützte, wandte sich Siad Barre wirtschaftlich und politisch von der Sowjetunion ab und den USA zu. Im Inneren regierte er zusehends diktatorisch, verschiedene Clans waren Repressionen ausgesetzt. Mehrere Rebellengruppen begannen einen bewaffneten Kampf gegen die Barre-Regierung, was 1991 zu deren Sturz führte.

Bürgerkrieg

Die siegreichen Rebellengruppen konnten sich jedoch nicht auf eine Nachfolgeregierung einigen. Der am Sturz Barres führend beteiligte United Somali Congress zerbrach infolge des Machtkampfes seiner Führer Mohammed Farah Aidid und Ali Mahdi Mohammed. Somalia zerfiel in umkämpfte Machtbereiche von Clans und Kriegsherren. Der Norden des Landes erklärte sich als Somaliland einseitig für unabhängig, ohne hierfür internationale Anerkennung zu finden.

Für die Bevölkerung hatten die Kämpfe und Plünderungen eine Verschlechterung der Versorgungs- und Sicherheitslage bis hin zu einer Hungersnot im Süden Somalias zur Folge. Ab 1992 sollte deshalb die UN-Mission UNOSOM unter US-amerikanischer Führung die Lieferung von Nahrungsmittelhilfe sichern und den Frieden wiederherstellen. Nach den Ereignissen der „Schlacht von Mogadischu“ im Oktober 1993 zogen die USA jedoch ihre Truppen wieder aus dem Land zurück. 1995 musste sich auch die UNOSOM II ohne Erfolg zurückziehen. Die Kampfhandlungen gingen weiter, wenn auch weniger intensiv. Im praktisch autonomen Somaliland blieb es seit 1996 weitgehend friedlich. Nach diesem Vorbild gründete der Harti-Darod-Clan in Nordostsomalia die autonome Region Puntland. Die Rahanweyn versuchten in Südwestsomalia ebenfalls, eine Regionalregierung zu etablieren, scheiterten jedoch, weil Südwestsomalia wie auch Jubaland umkämpft blieb. In der Hauptstadt Mogadischu bekämpften sich verschiedene Kriegsherren und Milizen der Hawiye.
2000 wurde nach Friedensverhandlungen in Djibuti eine nationale Übergangsregierung für Somalia unter Präsident Abdiqasim Salad Hassan gebildet. Sie war den moderaten Islamisten in Somalia gegenüber freundlich gesinnt, wurde aber von den mächtigen Warlords im Land abgelehnt. Die nationale Übergangsregierung konnte keine Macht in Somalia gewinnen und zerfiel 2003. Auf einer Friedenskonferenz in Kenia wurde 2004 eine neue föderale Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed etabliert. Sie hatte nicht die Unterstützung der Islamisten und der meisten Hawiye, die Mogadischu kontrollierten. Die neue Übergangeregierung liess sich daraufhin in Baidoa nordwestlich von Mogadischu nieder. Mitte 2006 eroberte die Union islamischer Gerichte Mogadischu und weite Landesteile von den bis dahin dort herrschenden Kriegsherren, setzte ein gewisses Mass an – unterschiedlich streng gehandhabter – Ordnung nach der Schari’a durch und kämpfte an den Grenzen der beiden Machtbereiche gegen die Übergangsregierung.
Das benachbarte Äthiopien fühlte sich von der Union bedroht, da es eine islamistische Vereinnahmung seiner eigenen muslimischen Bevölkerung fürchtete und Teile der Union zum Dschihad zur Eroberung des heute äthiopischen, mehrheitlich von Somali bewohnten Gebietes Ogaden aufgerufen hatten. Am 24. Dezember 2006 erklärte Äthiopien der Union offiziell den Krieg, marschierte in Somalia ein und konnte in wenigen Tagen die Union verdrängen. Die Übergangsregierung versuchte sich mit militärischer Unterstützung Äthiopiens in Mogadischu und im übrigen Land zu etablieren, stiess jedoch auf erheblichen Widerstand von Islamisten, verschiedenen Clans und weiten Teilen der Bevölkerung, die die äthiopische Militärpräsenz ablehnten.
2007 und 2008 lieferten sich regierungstreue Truppen und deren diverse Gegner vor allem in Mogadischu heftige Kämpfe, die Hunderttausende in die Flucht trieben. Tausende Zivilisten wurden getötet und über eine Million mussten zeitweise aus ihren Häusern vor allem in Mogadischu fliehen. Anfang 2009 zogen die äthiopischen Truppen wieder aus Somalia ab. Die militanten Islamisten waren nicht besiegt worden, sondern waren im Gegenteil deutlich stärker geworden. Im Kampf gegen die brutale äthiopische Besatzung hatten sie an Legitimität in den Augen vieler Somalis (auch in der Diaspora) gewonnen. , Der gemässigte Islamist Sheikh Sharif Sheikh Ahmed wurde neuer Präsident der Übergangsregierung, die jedoch weiterhin von der radikaleren al-Shabaab bekämpft wird. 2009 verloren die Regierungstruppen fast überall im Land an Einfluss. Vor allem in Südsomalia übernahmen die islamistischen Gruppierungen al-Shabaab und Hizbul Islam die Macht und bekämpften sich auch gegenseitig.
Die USA unterstützen die somalische Übergangsregierung politisch, durch finanzielle Hilfen und mit Waffen. Sie stufen die radikalislamische Miliz al-Shabaab als Terrororganisation ein, die mit al-Qaida zusammenarbeitet. Die USA haben auch mehrmals gezielte Luftangriffe auf Einrichtungen der Islamisten durchgeführt. Die Europäische Union unterstützt finanziell die Übergangsregierung und die Friedenstruppe der Afrikanischen Union (AMISOM) zu ihrem Schutz.
Die Kampfhandlungen waren auch 2009 und 2010 vornehmlich auf Mogadischu konzentriert. Hier starben weiter tausende Menschen oder wurden zu Flüchtlingen. Die militanten Islamisten, besonders Al Shabaab, kontrollierten bis Ende 2010 den Grossteil Süd- und Zentralsomalias. Die Übergangsregierung unter Sheikh Sharif Sheikh Ahmed musste sich in Teilen Mogadischus verschanzen und wurde täglich von mehreren tausend AMISOM-Soldaten beschützt. Al Shabaab unterwarf die Bevölkerung strikten Regeln, denen eine extreme Interpretation des Islam zu Grunde lag. Jede Zuwiderhandlung sowie der blosse Verdacht, mit dem Feind zusammenzuarbeiten, wurde hart bestraft. Es gab aber durchaus auch Somalis, die Al Shabaab zugute hielten, dass sie Ruhe und Ordnung herstellten und die Kriminalität wirksam bekämpften.
Mitte August 2010, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan, starteten Al Shabaab und Hizbul Islam eine gemeinsame, grossangelegte Militäroffensive um TFG und AMISOM endgültig zu besiegen. Zusammen hatten die Islamisten ungefähr 8000 Kämpfer. AMISOM hatte inzwischen fast die Sollstärke von 8000 Mann erreicht. Auch das TFG hatte 2010 ungefähr 3000 eigene Soldaten zur Verfügung, dank Militärhilfe der USA und Training (auch durch private Sicherheitsdienste), das vornehmlich mit Geldern von EU-Ländern bezahlt wurde. Die Offensive geriet rasch ins Stocken. Die Gründe waren die militärische Stärke des Gegners und Spannungen innerhalb des islamistischen Lagers. Hizbul Islam zerfiel zusehends. Viele ihrer Truppen desertierten, einige liefen zum TFG über. Im Dezember 2010 wurden die Reste von Hizbul Islam offiziell in Al Shabaab integriert. Dies sorgte innerhalb von Al Shabaab für Unruhe.
Der UNO-Sicherheitsrat gewährte im Dezember 2010 die Erhöhung der maximalen Truppenstärke von AMISOM um 4000 auf 12000 Soldaten. Ab Februar 2011 gingen das TFG und AMISOM, unterstützt von ASWJ-Einheiten und Teilen der äthiopischen und kenianischen Armee gegen Al Shabaab vor. Die Hauptkampfplätze waren Mogadischu, die Region Gedo in Westsomalia und Teile Zentralsomalias. Al Shabaab war angeschlagen und verlor zunehmend an Rückhalt in der Bevölkerung. Ein Grund dafür war die unbefriedigende Reaktion der Al Shabaab-Führung um Emir Ahmed Abdi Godane auf die sich seit Monaten zuspitzende Dürre in Somalia. Als der Hunger begann, weigerte sich Al Shabaab, internationale Hilfe zuzulassen. Die Hungersnot wurde vom Sprecher der Gruppe im Juli 2011 als westliche Propaganda dargestellt. Im August 2011 mussten sich Al Shabaab aus Mogadischu zurückziehen. Auch in anderen Teilen Süd- und Zentralsomalia geriet Al Shabaab in Bedrängnis. Es gelang dem TFG und seinen Unterstützern bis Mitte 2011 jedoch nicht, Al Shabaab entscheidend zu schlagen.

Intervention Kenias

Zwei Bataillone der kenianischen Streitkräfte (Kenya Defence Forces; KDF) mit rund 2.400 Soldaten marschierten in der Operation Linda Nchi (deutsch: Verteidigt die Nation) am 16. Oktober 2011 in Somalia ein, um Al Shabaab zu bekämpfen. Die kenianischen Truppen rückten auf Afmadow und die für Al Shabaab wirtschaftlich und finanziell wichtige Hafenstadt Kismayu im Süden Somalias zu. Auch die kenianische Luftwaffe flog Einsätze gegen Stellungen der Al Shabaab u.a. gegen ein Ausbildungslager in Jilib. Auslöser für die Militäraktion waren Entführungen von Ausländern in Kenia. Bis Februar 2012 konnte die kenianische Armee rund 110 km tief nach Somalia vordringen und kontrolliert nach eigenen Angaben eine Fläche 95.000 km². Bislang sind seit Oktober 2011 zehn kenianische Soldaten gefallen.

Politik

Somalia hat seit 1991 keine im gesamten Land anerkannte nationale Regierung. Im Norden streben Teile des Landes ganz offen nach Unabhängigkeit (Somaliland) oder haben sich zu autonomen Teilstaaten Somalias erklärt (Puntland und Galmudug). In weiten Teilen im Süden und Zentrum von Somalia herrschten zumindest bis vor kurzem lokale Clans, Kriegsherren und die islamistische Union islamischer Gerichte oder unklare Verhältnisse. In der Region Himan & Heeb bildet der ehemalige IT-Berater Mohamed Aden eine Art informelle Regierung.
Die Übergangsregierung Somalias ist international anerkannt und repräsentiert das Land in den Vereinten Nationen, der Arabischen Liga und anderen internationalen Organisationen. Seit ihrem Bestehen 2004 hat sie sich im Land selbst aber noch nicht durch die Schaffung von Ruhe und Ordnung und die Bereitstellung von Dienstleistungen ausgezeichnet. Im Gegenteil, die Übergangsregierung ist intern seit Jahren zerstritten und ihren Anführern wird immer wieder vorgeworfen, korrupt zu sein und sich auf Kosten der eigenen Bevölkerung an externen Spenden zu bereichern. Seit Anfang 2011 sieht es zum ersten Mal so aus, als ob die Übergangsregierung die Macht in Mogadischu und Teilen Südsomalias übernehmen könnte – bisher aber nur mit massiver militärischer Hilfe von AMISOM, Kenia und Äthiopien. Ob der mögliche militärische Sieg über Al Shabaab schon eine wirkliche Wende für Somalia nach über zwanzig Jahren Staatslosigkeit und Bürgerkrieg bedeutet, ist fraglich. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich in kurzzeitige Interventionsmassnahmen – gegen die Terroristen und die Piraten – verrannt und interveniert nun gegen den Hunger, ohne ein wirkliches Konzept zu haben.
Somalia wird oft als „gescheiterter Staat“ bezeichnet. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex 2010 von Transparency International liegt es auf dem letzten Platz; gemäss Mo Ibrahim Foundation ist es das am schlechtesten regierte Land Afrikas. Bezüglich Pressefreiheit steht das Land laut Reporter ohne Grenzen auf 159. Stelle von 169 Staaten. Anfang 2012 tauchte erstmals die Idee auf, Somalia in eine Bundesrepublik zu verwandeln. Dazu sehen weitere politische Reformen vor, dass die autonomen Regionen Puntland und Galmudug Bundesstaaten werden und das Parlament verkleinert wird, wobei aber 54 Abgeordnete der Clans dort vertreten sind.

Aktuelle Hungerkatastrophe

Mitte 2011 sind mehr als drei Millionen Menschen und damit mindestens ein Drittel der Bevölkerung Somalias auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Notlage betrifft allerdings nur Südsomalia. Hier fielen der Krieg zwischen den islamistischen Al Shabaab-Milizen einerseits und der Übergangsregierung und den Truppen der AMISOM andererseits ab Anfang 2011 mit dem Höhepunkt einer Dürre zusammen. Viele internationale Hilfsorganisationen hatten Somalia auf Grund der anhaltenden Unsicherheit schon länger verlassen. Andere waren, wie das Welternährungsprogramm (WFP), von den Islamisten aus den von ihnen kontrollierten Gebieten hinausgedrängt worden. Al Shabaab warf dem WFP vor, die Umsätze der somalischen Bauern zu drücken und Hilfe an Forderungen westlicher Politik zu binden. Tatsächlich leisteten die USA ab 2009 ihre Beiträge für Hilfsorganisationen nur noch, wenn sichergestellt war, dass Leistungen nicht den „Terroristen“ zugute kommen. Krieg, Fanatismus und ausbleibender Regen führten zu einer Hungerkatastrophe, die viele Somalis das Leben kostete oder zu Flüchtlingen im benachbarten Kenia machte. Die Lage im weitgehend friedlichen Nordsomalia, wo mit Somaliland und Puntland zwei de facto autonome Staatsgebilde bestehen, ist weit weniger dramatisch.

Menschenrechte

Mitarbeiter von humanitären Organisationen, Journalisten und Menschenrechtsverteidiger nehmen bei ihrer Arbeit in Somalia grosse Risiken auf sich und laufen unter anderem Gefahr, entführt oder ermordet zu werden. Auch 2009 wurden gravierende Menschenrechtsverstösse, einschliesslich Kriegsverbrechen, nicht bestraft.
Der UN-Generalsekretär, der unabhängige UN-Experte für die Menschenrechtssituation in Somalia und der Beauftragte des UN-Generalsekretärs für die Menschenrechte Binnenvertriebener sprachen in ihren Berichten von Menschenrechtsverstössen, einschliesslich der Rekrutierung von Kindern für den bewaffneten Kampf. Appelle aus dem Ausland und von Kräften in Somalia, Verbrechen im Sinne des Völkerrechts endlich strafrechtlich zu ahnden, blieben wirkungslos.
Alle am laufenden somalischen Bürgerkrieg beteiligten Parteien haben in den letzten Jahren schwerste Menschen- und Kriegsrechtsverbrechen begangen. Äthiopische Truppen, die Armee der Übergangsregierung, AMISOM und die islamistischen Milizen Al Shabaab und Hizbul islam haben ihre Waffen unterschiedslos im dicht besiedelten Gebiet (in Mogadischu) eingesetzt. Zudem wurden die Feinde der jeweiligen Seite oft erbarmungslos verfolgt und Verdächtige ohne rechtliches Verfahren eliminiert. Alle Kriegsparteien haben schwerste Übergriffe auf die Zivilbevölkerung Südsomalias begangen. Frauen wurden massenweise vergewaltigt und Männer, Jugendliche und sogar Kinder von allen Parteien im Krieg zwangsrekrutiert. Al-Shabaab-Milizen sind zusätzlich für die Tötungen und Bestrafungen von Menschen verantwortlich, die sich ihrer Auslegung des islamischen Rechts nicht beugten. In den von ihnen kontrollierten Landesteilen war ein dramatischer Anstieg öffentlicher Hinrichtungen, darunter auch Steinigungen, zu verzeichnen. Gleiches galt für die Zwangsamputation von Gliedmassen und Auspeitschungen. Al-Shabaab-Milizen schändeten auch Gräber führender Geistlicher der islamischen Sufi-Gemeinschaft. Ausserdem mussten sich Frauen nach bestimmten Regeln kleiden und durften sich nicht frei bewegen. Auch die Situation vieler Kinder bereitet Sorgen. Dadurch, dass das Bildungssystem marode ist, haben die Kinder kaum die Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Die Hälfte aller Kinder zwischen fünf und 14 Jahren müssen arbeiten. Schätzungen zufolge gibt es ca. 70.000 Kindersoldaten, die von verschiedenen Milizen unter Waffen gehalten werden. In einer Erklärung der UNICEF wurde bekannt gegeben, dass in Somalia der Einsatz von Kindern ansteigt. Kinder ab neun Jahren werden mittlerweile rekrutiert. Die Kindersoldaten werden oft geschlagen oder gar exekutiert, wenn sie von der gegnerischen Seite gefangen genommen werden.
Die Lage der Menschenrechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen ist in Somalia sehr schlecht. Nach Angaben der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) wird die Todesstrafe für gleichgeschlechtliche Beziehungen bzw. homosexuelle Handlungen verhängt.